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Die Kraft der sanften Berührung

Sanfte Berührungen sind für Menschen lebenswichtig. Bereits ab der siebten Lebenswoche kann ein Embryo Berührungsreize wahrnehmen, wobei diese auch nach der Geburt essentiell für die erste Kommunikation sind. Für Babys sind sie der erste Kontakt mit der Welt, geben ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit.  Die menschliche Haut kann mit Millionen Sinneszellen sofort erkennen, ob es sich um eine positive oder negative Berührung handelt, wobei das Gehirn positive Berührungsreize in Entspannung verwandelt. Dafür verantwortlich sind die C-taktilen-Fasern, auch Streichelfasern, die auf sanfte Berührungen am Rücken bei 34 Grad Celsius, der Temperatur der Fingerspitzen, reagieren. Dabei wird nach Streichelgeschwindigkeit und Temperatur bewertet, wobei eine Berührung mit etwa 1 bis 10 cm pro Sekunde als angenehmes Streicheln empfunden wird. Bei Babys stabilisieren Berührungen die Atmung und regulieren den Blutzuckerspiegel, Umarmungen stärken das Immunsystem und häufig umarmte Menschen sind weniger anfällig für Erkrankungen. Positive Berührungen bauen Aggressionen und Stress ab und lindern Schmerzen, auch seelische.

Berührungen machen Menschen zu sozialen Wesen und prägen sie ihr ganzes Leben, sie beeinflussen, wie man Stress oder Schmerz wahrnimmt, wie gut das Immunsystem funktioniert, wem man vertrauen kann.

Vor allem aber können starke Gefühle wie Liebe oder Mitgefühl durch Berührung besser vermittelt werden als durch Worte, Mimik oder Gestik. Eine Berührung kann einen Menschen auch dann noch erreichen, wenn er kaum noch mit der physischen Welt verbunden ist. Es ist noch nicht lange bekannt, dass wir neben dem Tastsinn ein hochspezialisiertes System besitzen, das ausschließlich für die Wahrnehmung von sanften Berührungsreizen zuständig ist. Sie liefern keine Informationen über die Außenwelt, sondern darüber, ob wir einen Körperkontakt mögen oder nicht.

Doch wie kommt es, dass es sich so unterschiedlich anfühlt, ob uns eine nahestehende Person berührt oder ein Fremder? Ob wir uns mit unserem Partner streiten oder harmonieren? Was passiert da in unserem Gehirn – und welche Rolle spielt das Gehirn selbst? Hinter einem Gefühl, das uns so intuitiv, so natürlich erscheint, steckt ein ausgeklügeltes Zusammenspiel von Nervenfasern, Rückenmark und Gehirn. In einer Zeit der sozialen Distanzierung gewinnt die Erforschung der Berührung zunehmend an Bedeutung. Wie wirkt es sich auf uns und unsere Beziehungen aus, wenn wir aufgefordert werden, Distanz zu wahren?

Forscher untersuchen die Rolle, die Berührung für unser körperliches und emotionales Wohlbefinden spielt, und ziehen erste Schlussfolgerungen über die Folgen eines Mangels an Berührung.

Literatur

Stangl, W. (2022). Stichwort: ‚strokes – Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/9394/strokes-streicheln-schlag (2022-02-04)