Die Grundlagen der Resilienz

Man kann nach Ansicht von Gerhard Roth inzwischen mithilfe von bildgebenden Verfahren und speziellen Untersuchungen des Blutes oder Speichels bei Jugendlichen und Erwachsenen erkennen, welche Hirnstrukturen und entsprechende psychische Funktionen Entwicklungsdefizite aufweisen, die dann zu einer verminderten Resilienz führen. So können schon sehr früh im Gehirn das Stressverarbeitungs- und das Selbstberuhigungssystem geschädigt sein, etwa durch eine traumatisierte Mutter, deren Gehirn Trauma-Signale an das Gehirn des ungeborenen Kindes weitergibt. Dies sieht man dann an einer veränderten Funktion von Hirnzentren wie dem Hypothalamus, der Amygdala und anderen Zentren, die an der Produktion von Stresshormonen und von Beruhigungsstoffen wie Serotonin beteiligt sind.

Die Grundlagen der Resilienz werden zum erheblichen Teil bereits vorgeburtlich durch unsere Gene und Gen-Kontrollfaktoren (Epigene) beeinflusst. So kann die Aktivierung von Genen, die etwa mit der Entwicklung des Stressverarbeitungssystems im Gehirn des Kindes zu tun haben, bereits vorgeburtlich durch bestimmte Prozesse im Gehirn der Mutter beeinflusst werden. Die Einflüsse des Gehirns der werdenden Mutter auf das Gehirn des ungeborenen Kindes spielen daher eine befeutende Rolle, ebenso frühe Bindungserfahrungen mit Eltern oder sonstigen Bindungspersonen, wie Großeltern, Tanten, Onkel, älteren Geschwistern oder Krippenangehörigen. Je älter Menschen werden, desto geringer wird der Einfluss der eigenen Erfahrung bzw. unserer Umwelt auf die eigene Resilienz, wobei das natürlich das davon abhängt, inwieweit es bereits Schädigungen oder Fehlentwicklungen gab, denn je stärker diese Schädigungen, desto schwerer ist eine Korrektur.

Menschen kommen schon mit einem ruhigen oder schwierigen Temperament auf die Welt, das bereits bestimmte Anteile einer starken oder schwachen Resilienz aufweist, wobei das Temperament auch von den vorgeburtlichen Faktoren abhängt, etwa traumatische Erfahrungen der Mutter während der Schwangerschaft. Genetische und vorgeburtlich-epigenetische Prozesse bestimmen entsprechend auf der unteren limbischen Ebene, die vornehmlich vom Hypothalamus, der Hypophyse und den vegetativen Zentren des Gehirns gebildet wird, die psychische Grundausstattung eines Neugeborenen und damit sein Temperament als Kern seiner späteren Persönlichkeit. Nach der Geburt und in den ersten Lebensjahren haben dann Vernachlässigung, Misshandlungen und Missbrauch einen stark negativen Einfluss, während ein fürsorgliches Verhalten der primären Bindungspersonen die Resilienz hingegen stabilisieren oder sogar steigern kann. Für die Entwicklung der Persönlichkeit sind die Erfahrungen in den ersten zwei bis drei Jahren nach der Geburt entscheidend, denn hier findet auf der mittleren limbischen Ebene, auf der die Amygdala (emotionale Konditionierung), das mesolimbische System (Belohnungslernen) und die Basalganglien (Ausbildung von Gewohnheiten) in der engen Interaktion mit der primären Bezugsperson die Ausgestaltung der noch undifferenzierten Gefühlswelt des Säuglings und Kleinkindes statt, ebenso die Entwicklung der vorerst nichtsprachlichen Kommunikation (Mimik, Blick, Lautäußerungen, Gesten) und die Bindungsfähigkeit. Hierbei prägt die primäre Bindungsperson über ihr Verhalten ihre Persönlichkeit dem Kleinkind in beträchtlichem Umfang auf. Dies erklärt, wie psychische Defizite der Bindungsperson, etwa Angststörungen oder Depressionen, an das Kleinkind je nach dessen Temperament und der Schwere der psychischen Belastung der Bindungsperson weitergegeben werden. Solche positive oder negative Erfahrung des Säuglings und Kleinkindes prägt sich tief in seine Psyche ein, d. h., es handelt sich um ein schnelles und sich schnell verfestigendes Lernen.

Alle frühen Maßnahmen unterliegen dem Drittelgesetz, d. h., es wird Kleinkinder geben, die trotz aller Bemühungen ihr schwieriges Temperament nicht verlieren und als Jugendliche oder Erwachsene Angststörungen, Depression, Phobien usw. zeigen. Dagegen kann man auch später im Erwachsenenalter wenig bis nichts tun, denn hier liegen meist schwere vorgeburtliche Schädigungen vor, die auch durch eine gute Bindungserfahrung nicht hinreichend kompensiert werden können. Alle herkömmlichen Maßnahmen zur Veränderung der psychischen Befindlichkeit eines Menschen einschließlich der Steigerung der Resilienz folgen diesem Drittelgesetz: Gute Maßnahmen haben bei einem Drittel der Betroffenen eine starke bzw. länger anhaltende Wirkung, können also etwa die Resilienz wirklich steigern, bei einem zweiten Drittel ist die Wirkung schwächer bzw. kurzfristig und beim dritten Drittel erzielen sie überhaupt keine Wirkung. Es gibt Verfahren, die bei einigen Betroffenen eine viel stärkere Wirkung haben als im Durchschnitt, bei anderen Betroffenen aber eine geringere Wirkung, d. h., jede Behandlung muss individuell auf die Persönlichkeit und Lebensumstände der behandelten Person ausgerichtet sein, ihre Defizite und das Vertrauensverhältnis zur behandelnden Person.

Literatur

https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/resilienz-erste-lebensjahre-entscheidend-3-faktoren-beeinflussen-wie-stark-die-psyche-ist_id_24307143.html (21-10-08)
https://www.faz.net/aktuell/wissen/dritte-kultur/bindungsforschung-wie-das-gehirn-die-seele-formt-13733288.html (15-08-11)