Bewusstsein ist die erinnerte Gegenwart (Gerald Edelman)

Wahrnehmung ist ein kreativer Akt, wobei aus bruchstückhaften sensorischen Daten das Gehirn eine Wirklichkeit konstruiert, die durch Erwartungen und Vorwissen geformt wird. Schon Ewald Hering, ein bedeutender Physiologe und Pionier der Wahrnehmungsforschung im ausgehenden 19. Jahrhundert, schrieb, dass das Gedächtnis die zahllosen Einzelphänomene des Bewusstseins zu einem Ganzen verbindet, und wie der Körper in unzählige Atome zerstieben müsste, wenn nicht die ­Anziehung der Materie ihn zusammenhielte, so zerfiele ohne die bindende Macht des Gedächtnisses das Bewusstsein in so viele Splitter, als es Augenblicke zählt. Auch William James vermutete, dass ein Teil dessen, was man von einem Objekt wahrnimmt, vom eigenen Kopf ausgeht. Bekanntlich verarbeitet das Gehirn nur einen Teil der sensorischen Daten der Außenwelt und nutzt Vorwissen sowie Erfahrungen, um aus diesen Bruchstücken abzuleiten, was man sieht. Dass die Wahrnehmung auf einer aktiven Interpretation des sensorischen Inputs basiert und von Erwartungen abhängt, verdeutlichen etwa auch optische Täuschungen.

Die Predictive-Coding-Hypothese besagt nun, dass das Gehirn laufend Vorhersagen über Ereignisse aufstellt und seine Prognosen stetig überprüft und verbessert, wobei der präfrontale Cortex hierfür eine Schlüsselrolle spielt. Gerald Edelman, ein mit dem Nobelpreis bedachter Immunologe und Neurowissenschaftler, bezeichnet Bewusstsein daher als erinnerte Gegenwart. Und der Neurowissenschaftler Richard F. Thompson, dessen Spezialgebiet die Gedächtnisforschung war, schrieb ganz ähnlich: »Ohne Gedächtnis kann es keinen Geist geben.« Kurzum, diese Autoren sagen, dass alles, was man in einer bestimmten Situation sieht, denkt und fühlt, von den Erfahrungen in der Vergangenheit abhängt und man die Gegenwart durch das Brennglas des Gedächtnisses erlebt.

[Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=0KacIPEJgH4]

Literatur

https://www.spektrum.de/magazin/bewusstsein-die-erfindung-des-erlebens/1920013 (21-09-28)