Wie Menschen ihre Erinnerungen konstruieren

Episodische Erinnerungen werden in der Psychologie nicht mehr als Reaktivierung gespeicherter Erfahrungen angesehen, sondern als das Ergebnis eines intensiven Konstruktionsprozesses auf der Grundlage einer Gedächtnisspur. Episodisches Erinnern ist das Ergebnis eines Prozesses der Konstruktion von Szenarien. Wenn man diesen generativen Rahmen des episodischen Gedächtnisses akzeptiert, bleibt eine große Lücke im Verständnis der Rolle des narrativen Selbst bei der Gestaltung der Szenariokonstruktion. Einige Philosophen sind prinzipiell skeptisch und behaupten, dass ein narratives Selbst ohnehin nicht mehr sein kann als eine kausal unwirksame zugeschriebene Entität. Daher charakterisieren Menschen zunächst ein narratives Selbst im Detail und klären dann seine einflussreiche kausale Rolle bei der Gestaltung der episodischen Erinnerungen, indem sie den Prozess der Szenariokonstruktion beeinflussen. Dies geschieht auf drei Stufen, nämlich auf der Ebene des Inputs, des Outputs und des Prozesses der Szenariokonstruktion. Man geht davon aus, dass eine Erinnerung dann entsteht, wenn durch einen Reiz eine Gedächtnisspur aktiviert wird: Die Hochzeitseinladungskarte an der Pinnwand aktiviert beispielsweise eine Gedächtnisspur von der Hochzeitstafel. Die Situation wird allerdings gemäß Bochumer Modell zum episodischen Erinnern dann noch angereichert durch allgemeines Hintergrundwissen, das dem semantischen Gedächtnis zur Verfügung steht. Mit der Zusammenfügung von Gedächtnisspur und Hintergrundwissen entsteht ein lebhaftes Erinnerungsbild, etwa von der Begrüßung durch die Braut, und schließlich erzählt man, wie man das Ereignis erlebt hat.

Zum Prozess der Szenario-Konstruktion gehören der Reiz, der die Erinnerung auslöst, der eigentliche Verarbeitungsprozess und das Ergebnis, also das Erinnerungsbild und die damit verknüpfte Beschreibung. Alle drei Komponenten können Menschen beeinflussen. Sie neigen erstens dazu, den auslösenden Reiz für positive Erinnerungen gezielt zu suchen und für negative Erinnerungen zu vermeiden. Sie stellen zum Beispiel ein Hochzeitsfoto auf den Bürotisch, meiden aber Begegnungen mit Personen, mit denen unangenehme Erinnerungen verknüpft sind.

Zweitens kann das Selbstbild auch beeinflussen, welche Hintergrundinformationen herangezogen werden, um die sparsame Gedächtnisspur zu einer lebendigen Erinnerung anzureichern; das bestimmt erst das reiche Erinnerungsbild.

Drittens kann die Beschreibung, die mit einem Erinnerungsbild verknüpft wird, sehr konkret oder eher abstrakt sein. Das Erinnerungsbild kann konkret entweder als der Beginn der Ansprache durch die Braut oder abstrakter als der Anfang des Zusammenwachsens zweier Familien beschrieben werden. Je abstrakter die verknüpfte Beschreibung, desto eher erinnert sich ein Mensch an das Erlebte aus einer Beobachterperspektive, also als Objekt in der Szene, und desto weniger intensive Gefühle sind damit verbunden. Die vom Selbstbild gewählte Beschreibungsebene beeinflusst das Erinnerungsbild und wie es erlebt wird – und zwar insbesondere, in welcher Form es dann weiter festgehalten wird.

Literatur

Dings, Roy & Newen, Albert (2021). Constructing the Past: the Relevance of the Narrative Self in Modulating Episodic Memory. Review of Philosophy and Psychology,, doi:10.1007/s13164-021-00581-2