Was kann Schweigen im anderen auslösen?

Schweigen kann vieles ausdrücken, etwa Zurückweisung, Strafe, Abgrenzung, aber auch Selbstermächtigung durch bewusst gesetzte Sprechpausen und Stille. Schweigen ist daher vieldeutig und vielgestaltig, denn im Schweigen kann sich unter anderem auch Ohnmacht, Überlegenheit, Scham oder Widerstand ausdrücken, Schweigen kann Zuflucht sein, es kann Türen der Wahrnehmung öffnen und Veränderungen einleiten. Schweigen kann nach Ansicht der Psychoanalyse ein leiblicher Akt sein, indem man etwas zurückhält, um selbst nicht geschwächt zu werden, d. h., es geht dann um Selbstbeherrschung und Selbstermächtigung.

In sozialen und politischen Zusammenhängen kennt man das auch als bewusste Strategie der Machtausübung, wenn man versucht, sich durch die Vermeidung von Begegnung und Auseinandersetzung unantastbar zu machen. Ein dafür charakteristisches Beispiel ist etwa das strafende Schweigen von Eltern ihren Kindern gegenüber. Oft ist ein solches Schweigen für die Kinder schlimmer als angeschrien zu werden. Durch das Schweigen des Gegenüber weiß man nicht, was im anderen vorgeht, und das ist wohl meist auch das Ziel, wenn man sich bewusst aus der sprachlichen Kommunikation zurückzieht. Dieses strategische Schweigens signalisiert eine Trennung, verweigert die Anschlussfähigkeit und erzeugt eine Asymmetrie des Wissens.

In diesem Zusammenhang sind Schweigen und Verschwiegenheit auch mit dem verbunden, was Menschen ein Geheimnis nennen. Sich dieser Asymmetrie oder eines Geheimnisses gewahr werden, als Kind oder als Partner, kann sehr schmerzhaft sein und wütend machen. Dann gilt es gemeinsam Auswege aus diesem dysfunktionalen Kommunikationsmuster zu suchen, wobei nicht selten Sprachlosigkeit auch ein Zeichen von Hilflosigkeit darstellen kann, sodass man einen Rückzug aus der Sprache auch einfach akzeptieren und respektieren muss.