Warum für manche Menschen die Zeit so schnell vergeht

Gedächtnisbasierte Ansätze legen nahe, dass retrospektive Urteile über den Ablauf der Lebenszeit auf verfügbaren bedeutsamen Erfahrungen beruhen. Eine offene Frage ist jedoch, ob die Urteile über das Vergehen von Lebenszeit die objektive Menge an wichtigen Erfahrungen widerspiegeln oder eher die Menge an Erinnerungen, die im Moment des Urteils aktiviert sind. Um diese Frage zu untersuchen, baten Kosak et al. (2019) ProbandInnen, das Vergehen der letzten fünf Jahre entweder vor oder nach dem Abrufen möglichst vieler wichtiger autobiographischer Ereignisse aus den letzten fünf Jahren zu beurteilen. Die Aktivierung von Erinnerungen vor der Beurteilung verlangsamte den erlebten Zeitablauf, aber nur, wenn die TeilnehmerInnen mindestens vier Erinnerungen abrufen konnten. Bei TeilnehmerInnen, die sich an weniger als vier Erinnerungen erinnerten, wurde der gegenteilige Effekt gefunden: nur wenige aktivierte Erinnerungen hatten überhaupt einen beschleunigenden Effekt. Interessanterweise nahm die erlebte Geschwindigkeit der Zeit mit steigender Anzahl aktivierter Erinnerungen nicht kontinuierlich ab, denn unterhalb und oberhalb der Schwelle von vier Erinnerungen waren Zeitverlaufsurteile unabhängig von der Anzahl der aktivierten Erinnerungen. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Zeitverlaufsurteile auf aktuell aktivierten Erinnerungen beruhen, was darauf hindeutet, dass das weit verbreitete Phänomen des Verfliegens der Zeit den Effekt einer Erinnerungsheuristik widerspiegelt.

Literatur

Kosak, F., Kuhbandner, C., Hilbert, S. (2019). Time passes too fast? Then recall the past! Evidence for a reminiscence heuristic in passage of time judgments. Acta Psychologica, doi:10.1016/j.actpsy.2019.01.003.