Die Folgen von einschneidenden Lebensereignissen werden oft überschätzt

Die korrekte Vorhersage, wie sich alternative Zustände der Welt auf unser Leben auswirken, ist ein Eckpfeiler der Wirtschaftswissenschaften. Odermatt & Stutzer(2019) untersuchten, wie genau Menschen ihr zukünftiges Wohlbefinden vorhersagen, nachdem sie mit wichtigen Lebensereignissen konfrontiert wurden. Sie haben dabei die Prognosen zu Lebenszufriedenheit, die Menschen in einem ersten Interview nach einem wichtigen Lebensereignis (Witwenschaft, Arbeitslosigkeit, Behinderung, Heirat, Trennung, Scheidung) abgegeben hatten, mit ihren tatsächlichen Einschätzungen fünf Jahre später verglichen. Dabei zeigte sich, dass sich die Ereignisse auf die vorhergesagte Zufriedenheit langfristig schwächer auswirken als von den Befragten angenommen.

Dabei schlugen sich zwar die Lebensereignisse zunächst deutlich im subjektiven Wohlbefinden der Betroffenen nieder, wobei positive Ereignisse mit einem starken Anstieg und negative Ereignisse mit einer starken Verringerung der Lebenszufriedenheit verbunden waren. Doch Menschen überschätzten systematisch, wie lange der Einfluss dieses Ereignisses anhält. Die Ausschläge der Lebenszufriedenheit hielten nicht lange an, sondern pendelten sich ganz oder teilweise auf das langfristige Niveau der Vorjahre ein. So überschätzten frisch Verheiratete, wie zufrieden sie in fünf Jahren sein werden, wobei im Gegensatz dazu Menschen ihre zukünftige Lebenszufriedenheit nach negativen Ereignissen unterschätzten, wenn sie etwa kürzlich ihre Arbeitsstelle verloren hatten, invalid oder teilinvalid geworden waren oder deren Partnerin oder Partner gestorben war. Nur nach einer Trennung vom Partner schätzten die Befragten die Veränderung ihrer Lebenszufriedenheit fünf Jahre später ziemlich richtig ein. Als Ursache für die Fehleinschätzungen vermutet man einen Effekt der Gewöhnung, denn Menschen bedenken unmittelbar nach einem solchen Ereignis zu wenig, dass sie sich an positive und negative Umstände anpassen können.

Solche Fehleinschätzungen ihrer zukünftigen Lebenzufriedenheit können zu Verzerrungen bei zahlreichen Entscheidungen führen, wenn also die Gewöhnung nicht mit einbezogen wird, d. h., Menschen könnten sich ganz anders entscheiden, wenn ihnen vorher bewusst wäre, wie schnell sie sich an gewisse veränderte Lebensumstände anpassen werden. Zudem ist das Risiko von Fehleinschätzungen dann besonders groß, wenn Abwägungen zwischen verschiedenen Lebensbereichen getroffen werden müssen oder zwischen Aktivitäten und Gütern, an die sich Menschen möglicherweise ganz unterschiedlich gewöhnen. So zeigt sich etwa, dass die Gewöhnung bei materiellen Gütern hoch und bei sozialen Umständen eher gering ausfällt.

Literatur

Odermatt, Reto & Stutzer, Alois (2019). (Mis-)Predicted Subjective Well-Being Following Life Events. Journal of the European Economic Association, 17, 245-283.
https://www.unibas.ch/de/Aktuell/News/Uni-Research/Gluecksforschung-Folgen-von-Lebensereignissen-werden-ueberschaetzt.html (19-03-02)