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Relevanzfilterung und kognitive Anknüpfungspunkte im Lernprozess

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    Das menschliche Gehirn ist biologisch auf maximale Energieeffizienz ausgerichtet. Um Ressourcen zu schonen, filtert es einströmende Informationen streng nach ihrer Relevanz und ihrem Neuheitswert. Dieser Prozess fungiert als kognitives Nadelöhr oder „Pförtnerinstanz“. Informationen werden nur dann tiefenstrukturell verarbeitet und im Langzeitgedächtnis verankert, wenn sie entweder eine hohe emotionale Relevanz besitzen oder an bereits vorhandene Wissensbestände – sogenannte Anschlussstellen – anknüpfen können. Aus lernpsychologischer Sicht ist der Erwerb neuen Wissens ohne diese Anknüpfungspunkte nahezu unmöglich, da das Gehirn isolierte Informationen ohne Kontext kaum halten kann. Da Lerngruppen wie etwa Schulklassen in Bezug auf Vorwissen, Motivation und Zielsetzungen intrinsisch heterogen sind, variieren diese internen Filter von Person zu Person stark. Ein rein distributives Lehr-Lern-Modell, das Informationen undifferenziert an eine Gruppe sendet, ignoriert diese individuellen Barrieren und erreicht oft nur einen Bruchteil der Lernenden.

    Der Prozess des Lernens ist also untrennbar mit der energetischen Ökonomie des Gehirns verbunden, welches den Aufwand für die Informationsweitergabe minimiert, sofern keine zwingenden Gründe für eine Speicherung vorliegen. Um den Übergang von Informationen in das Langzeitgedächtnis zu forcieren, bedarf es einer gezielten Aktivierung von Motivation und Anstrengungsbereitschaft. Ein zentrales Hindernis im formalen Unterricht ist dabei also die individuelle Filterfunktion jedes Lernenden, die darüber entscheidet, welche Inhalte überhaupt Einlass in das kognitive System finden. Diese Entscheidung basiert maßgeblich auf der individuellen Relevanzprüfung sowie auf der Existenz spezifischer Anknüpfungspunkte. Wenn Lehrende Wissen ohne Berücksichtigung der Lernbiografie ihrer Zielgruppe vermitteln, gleicht dies einer ungefilterten Beschallung, die am internen Widerstand der Lernenden scheitert.

    Erfolgreiche Wissensvermittlung setzt daher voraus, dass zunächst die Lerngeografie – also der aktuelle Wissensstand, die Bedürfnisse und die methodischen Vorlieben – analysiert wird. Nur wenn die Anschlussstellen identifiziert werden und die Lernenden verstehen, wofür eine Information benötigt wird oder in welchem Kontext sie bereits begegnet ist, kann der kognitive Flaschenhals überwunden werden. Da Lernprozesse hochgradig individuell verlaufen und aufeinander aufbauen, ist es essenziell, Schritte konsequent abzuschließen, bevor komplexere Inhalte eingeführt werden. I

    n einer heterogenen Gruppe bedeutet dies zwingend den Einsatz von Binnendifferenzierung, um sicherzustellen, dass nicht nur eine Teilmenge der Lernenden den Anschluss hält, während andere aufgrund fehlender Voraussetzungen oder mangelnden Bezugs exkludiert werden. Letztlich entscheidet die Passgenauigkeit zwischen dem angebotenen Lehrinhalt und der individuellen kognitiven Struktur des Lernenden über den Erfolg des Wissenstransfers.


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