Lässt der Oxytocinspiegel bei Männern Schlüsse auf deren Erziehungsverhalten zu?

Ein eher kurioses Forschungsergebnis zum Hormon Oxytocin fand sich in der Zeitschrift Developmental Psychobiology, in der Cardenas et al. (2021) die These überprüften, ob durch dieses Hormon der Erziehungsstil eines Mannes vorhergesagt werden kann, noch bevor das Baby überhaupt geboren ist. Man untersuchte dabei Männer, die ihre jeweiligen Partnerinnen während der Schwangerschaft begleiteten, und zwar regelmäßig bis drei Monate nach der Geburt ihres Kindes. Für die Studie wurden die Teilnehmer befragt, wie oder warum sie bestimmte Aufgaben in der Kindererziehung erledigten, wobei während der Befragung im MRT die Aktivitäten in den Hirnregionen aufgezeichnet wurden. Daneben wurde über Blutproben der Oxytocin-Spiegel erhoben. Bei der Bewertung des „Warum“ einer Handlung gegenüber dem „Wie“ der Handlung (Warum > Wie-Kontrast) zeigten die Probanden eine Aktivierung in jenen Regionen, von denen angenommen wird, dass sie die Theory of Mind unterstützen, einschließlich des dorsomedialen präfrontalen Cortex und des superioren temporalen Sulcus. Der pränatale Oxytocinspiegel der Väter sagte eine größere Signaländerung während des Warum > Wie-Kontrasts im inferioren parietalen Lobulus voraus. Sowohl pränatales Oxytocin als auch einfühlsame elterliche Überzeugungen waren mit der Warum > Wie-Aktivierung im dorsolateralen präfrontalen Cortex assoziiert, einer Theory of Mind-Region, die bei der Emotionsregulation eine Rolle spielt. Die Aktivierung des posterioren parahippocampalen Gyrus und des dorsolateralen präfrontalen Cortex während des Warum > Wie-Kontrasts sagte die Einstimmung der Väter auf die elterlichen Überzeugungen voraus. Wenn also das Gehirn eines Mannes vor der Geburt auf diese Weise im MRT analysiert wird, kann unter Umständen vorhergesagt werden, wie sein Erziehungsstil sein wird, wobei die pränatale neuronale Aktivierung in den Regionen der ,Theory of Mind‘ mit einem intuitiven Erziehungsstil des Vaters nach der Geburt zusammenhängt. Offenbar können nicht nur Mütter mit ihren Neugeborenen auf eine empathische Art und Weise in Verbindung treten.

Literatur

Cardenas, Sofia, Stoycos, Sarah, Sellery, Pia, Marshall, Narcis, Khoddam, Hannah, Kaplan, Jonas, Goldenberg, Diane & Saxbe, Darby (2021). Theory of mind processing in expectant fathers: Associations with prenatal oxytocin and parental attunement. Developmental Psychobiology, doi:10.1002/dev.22115.