Die Denkmuster von Menschen mit Verschwörungstheorien ähneln denen mit Paranoia

Der Glaube an Verschwörungstheorien und paranoide Gedankengänge werden oft als nahezu synonym behandelt, doch bisher gab es jedoch keine Forschungsergebnisse zu gemeinsamen kognitiven Grundlagen des Glaubens an Verschwörungstheorien und paranoider Ideologie. Ein möglicher zugrundeliegender Faktor könnte der bekannte jumping to conclusion (JTC) bias sein, also die Tendenz von Menschen mit Wahnvorstellungen, voreilige Entscheidungen zu treffen, die auf wenigen Fakten basieren. Darüber hinaus könnte eine Präferenz für einen eher intuitiven allgemeinen Denkstil, im Gegensatz zu einem analytischen Denkstil, ein zusätzlicher zugrundeliegender kognitiver Faktor sowohl für Verschwörungstheorien als auch für Paranoia sein.

Ziel der Studie von Pytlik, Soll & Mehl (2020) war es, anhand einer großen Stichprobe von nicht-klinischen ProbandInnen zu untersuchen, ob der JTC-Bias bei Menschen, die einen stärkeren Glauben an Verschwörungstheorien aufweisen, stärker ausgeprägt ist und ob beides mit einer intuitiveren Denkpräferenz zusammenhängt. Dafür wurden die Daten von 519 nicht-klinischen Personen bezüglich ihrer jeweiligen Zustimmung zu zwanzig spezifischen Verschwörungstheorien in einer Online-Studie ausgewertet, wobei man den JTC-Bias mit Hilfe einer computerisierten Variante der Perlenaufgabe (Fischaufgabe, s. u.) erhob, und die Denkpräferenzen in einem Interview gemessen wurden.

Es zeigte sich, dass Probanden, die den JTC-Bias aufwiesen, einen ausgeprägteren Glauben an Verschwörungstheorien hatten, wobei zusätzlich das Sammeln von wenig Informationen in der Fisch-Aufgabe, bevor eine Entscheidung getroffen wurde, mit einer stärkeren Befürwortung von Verschwörungstheorien und einem eher intuitiven und weniger einem analytischen Denkstil verbunden war. Schließlich sagte eine Präferenz für intuitives Denken in einer multiplen Regressionsanalyse einen stärkeren Glauben an Verschwörungstheorien voraus. Aus diesen Ergebnissen geht hervor, dass eine Präferenz für einen intuitiven Denkstil in Verbindung mit einer Neigung zu schnellerer Entscheidungsfindung (JTC-Bias) eine mögliche kognitive Grundlage für den Glauben an Verschwörungstheorien bildet.

Jumping to conclusions – auch als inference-observation confusion bezeichnet – ist ein psychologischer Terminus, der sich auf ein Kommunikationshindernis bezieht, bei dem man etwas beurteilt oder entscheidet, ohne alle Fakten zu besitzen, also um ungerechtfertigte Schlüsse zu ziehen, d. h., es wird nicht zwischen dem, was man selber beobachtet hat, und dem, was man nur gefolgert oder vermutet hat, unterschieden. Da es darum geht, Entscheidungen zu treffen, ohne über genügend Informationen zu verfügen, um sicher zu sein, dass man richtig liegt, kann dies zu schlechten oder überstürzten Entscheidungen führen, die oft mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Bei der Fischaufgabe bekommt man einen Angler gezeigt, der aus einem Teich orangefarbene und blaue Fische zieht und sie danach wieder zurückwirft. Der Angler konnte dabei an zwei Teichen sitzen, und zwar an einem, in dem 60 Prozent blaue und 40 Prozent orangefarbene Fische leben, oder an einem anderen, in dem das Verhältnis umgekehrt war. Jedes Mal, wenn ein Fisch aus dem Teich geholt wurde, muss man angeben, wie überzeugt man ist, dass der Angler an dem einen oder dem anderen Teich sitzt. Wer eher analytisch denkt, wartet in der Regel länger, bis er sich auf einen der beiden Teiche festlegt.

Die Perlenaufgabe ist eine experimentelle Aufgabe, die entwickelt wurde, um den Argumentationsstil von Personen unter mehrdeutigen Bedingungen zu untersuchen. Dabei werden den Personen zwei Gläser mit jeweils 100 farbigen Perlen präsentiert. In einem Glas befinden sich 85 Perlen einer Farbe (z.B. schwarz) und 15 Perlen einer anderen Farbe (z.B. gelb), während das andere Glas Perlen in entgegengesetzten Verhältnissen enthält (d.h. 15 schwarze und 85 gelbe). Dem Teilnehmer wird gesagt, dass eines der Gläser zufällig ausgewählt wird und aus dem ausgewählten Glas Perlen gezogen werden. Jedes Mal wird eine Perle gezogen, und dann wird die Perle wieder in das Glas zurückgelegt. Daher ändert sich der Anteil der farbigen Perlen im Glas nicht, wodurch die Mehrdeutigkeit der Aufgabenbedingung erhalten bleibt. Die Teilnehmer können entscheiden, wie viele Perlen sie sehen möchten (bis zu 20), bevor sie die Entscheidung mit Sicherheit treffen, aus welchem Glas die Perlen gezogen werden. Die Aufgabe wird beendet, sobald eine Entscheidung getroffen wurde. Das Anfordern einer sehr geringen Anzahl von Perlen vor der Entscheidung gilt als Indikator für einen JTC-Datenerhebungsstil.

Literatur

Pytlik, Nico, Soll, Daniel & Mehl, Stephanie (2020). Thinking Preferences and Conspiracy Belief: Intuitive Thinking and the Jumping to Conclusions-Bias as a Basis for the Belief in Conspiracy Theories, Frontiers in Psychiatry, 11, doi:10.3389/fpsyt.2020.568942.
Stangl, W. (2017). Stichwort: ‚Jumping to conclusions – JTC‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/30988/jumping-to-conclusions-jtc (17-03-31)


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