Das große Gähnen

Zahlreiche frühere Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich das Gähnen ursprünglich aus einem Kühlmechanismus des Gehirns entwickelt hat. Massen et al. (2021) haben nun die Hypothese untersucht, ob größere Gehirne einen höheren Kühlbedarf haben und die Gehirntemperatur also zum Teil durch die Wärmeproduktion der neuronalen Aktivität bestimmt wird, d. h., dass also Tiere mit größeren Gehirnen und mehr Neuronen länger gähnen müssen, um einen vergleichbaren Kühleffekte zu erzielen.

Dafür analysierte man über tausend Gähnvorgänge von etwa hundert Arten (Säugetiere und Vögel), die aus verschiedenen Videoportalen aber auch aus dem Tiergarten Schönbrunn, dem Zoo in Linz und dem Nationalpark Thayatal stammten. Dabei zeigten sich positive Zusammenhänge zwischen der Gähndauer und der Gehirnmasse, zwischen der Gähndauer und der Gesamtanzahl der Neuronen und zwischen der Gähndauer und der Anzahl der kortikalen/pallialen Neuronen sowohl bei Säugetieren als auch bei Vögeln. Diese Beziehungen waren dabei über alle Arten hinweg ähnlich, obwohl Säugetiere bei vergleichbarer Gehirn- und Körpermasse deutlich länger gähnen als Vögel. Das könnte daran liegen, dass die Körpertemperatur und somit auch die Bluttemperatur von Vögeln um etwa zwei Grad höher ist als bei Säugetieren, sodass bei Vögeln der Temperaturunterschied zur Umgebungsluft größer ist und somit der Wärmeaustausch schneller abläuft, d. h., für den gleichen Kühleffekt müssen sie nicht so lange gähnen wie Säugetiere. Hinzu kommt eine bei Vögeln besondere morphologische Struktur des Gehirns bzw. des Kopfes, die eine selektive Kühlung des Gehirns möglich macht.

Literatur

Massen, Jorg J. M., Hartlieb, Margarita, Martin, Jordan S., Leitgeb, Elisabeth B., Hockl, Jasmin, Kocourek, Martin, Olkowicz, Seweryn, Zhang, Yicheng, Osadnik, Christin, Verkleij, Jorrit W., Bugnyar, Thomas, Němec, Pavel & Gallup, Andrew C. (2021). Brain size and neuron numbers drive differences in yawn duration across mammals and birds. Communications Biology, 4, doi:10.1038/s42003-021-02019-y.