Die wissenschaftliche Untersuchung des Zusammenhangs zwischen körperlichen Grundfunktionen und kognitiven Prozessen hat eine faszinierende Verbindung zwischen der Atmung und der Gedächtnisbildung aufgedeckt. Während bereits länger bekannt ist, dass das Gehirn insbesondere während der Nachtruhe Erlebnisse des Tages verarbeitet und im Langzeitgedächtnis ablegt, blieb der genaue Mechanismus der Koordination zwischen verschiedenen Hirnregionen lange Zeit ungeklärt.
Aktuelle Forschungsergebnisse, die unter anderem durch Experimente an Mäusen gewonnen wurden, legen nahe, dass die Atmung dabei eine weitaus zentralere Rolle spielt, als bisher angenommen wurde. Sie fungiert gewissermaßen als ein biologischer Taktgeber oder oszillatorisches Gerüst, das die neuronale Aktivität über weit verzweigte Schaltkreise hinweg synchronisiert. Diese rhythmische Kopplung ist essenziell, damit Informationen effizient zwischen dem Hippocampus, der für die Entstehung von Erinnerungen zentral ist, und dem Cortex übertragen werden können. Besonders in sogenannten „Offline-Zuständen“, also Phasen des Schlafs oder der Ruhe, sorgt die Atmung dafür, dass spezifische neuronale Ereignisse wie die Kopplung von Hippocampus-Wellen und kortikalen Zustandsübergängen präzise aufeinander abgestimmt werden. Diese Synchronisation ist die mechanistische Grundlage für die systemische Gedächtniskonsolidierung, also die dauerhafte Festigung von gelerntem Wissen.
Darüber hinaus zeigt sich, dass die Atmung nicht nur die Erinnerung steuert, sondern auch grundlegende kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und allgemeines Denkvermögen beeinflusst. Der Atemrhythmus dient somit als eine Art intracerebrales Korollarentladungs-Signal, das die Kommunikation zwischen verschiedenen Gehirnsystemen moderiert und die Integration sowie Segregation von Informationsflüssen in neuronalen Netzwerken unterstützt. Damit erweist sich die Atmung als eine fundamentale Brücke zwischen dem vegetativen Nervensystem und höheren kognitiven Leistungen, wobei sie als beständiger Rhythmus die funktionelle Koordination des limbischen Systems und darüber hinausgehender Gehirnareale sicherstellt.
Literatur
Karalis, N., & Sirota, A. (2022). Breathing coordinates cortico-hippocampal dynamics in mice during offline states. Nature Communications, 13(1), 467.
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