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Die zwölf Archetypen

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    Jung war der Mystiker unter den Vätern der Psychoanalyse, denn während Freud vieles vom Sexualtrieb ableitete und Adler den Machttrieb in den Vordergrund stellte, sah der humanistisch denkende und in protestantischer Tradition aufgewachsene Schweizer Jung das Individuum in Verbundenheit mit den „Ahnen“, also durchaus heidnisch als magisches Wesen. Er lebte mit dem Bewusstsein, in eine Familie geboren worden zu sein, die sich aufs Visionäre verstand: der eine Großvater war Geistlicher und hatte tatsächlich mit „Geistern“ Kontakt, der andere war Freimaurer und ein Hoch-Eingeweihter in esoterischen Praktiken. Er galt als ein unehelicher Sohn Goethes. Jung war sich dessen sicher und betonte zeitlebens die Abstammung von dem Dichterfürst. Seine Mutter fiel regelmäßig in Trance und gab dann seltsame Worte und Töne von sich, sie verkehrte in diesen Zuständen ebenfalls mit Geistern und blieb dem Sohn immer ein rätselhaft, geheimnisumwittertes Wesen. Zwar Mutter, aber doch auch Fremde – anziehend und furchteinflößend schrecklich zugleich.

    Archetypen sind die im kollektiven Unbewussten angesiedelten Urbilder menschlicher Vorstellungsmuster, wobei vor allem elementare Erfahrungen wie Geburt, Ehe, Mutterschaft, Trennung und der Tod in der Seele der Menschen eine archetypische Verankerung besitzen Sie haben zu allen Zeiten und in den unterschiedlichsten Kulturen ähnliche Bilder hervorgebracht und können als kollektive Menschheitserfahrungen gelten. Carl Gustav Jung gelangte zur Entdeckung der Archetypen, nachdem ihm die Ähnlichkeit vieler Bildmotive in Mythen, Träumen und Phantasien Geisteskranker aufgefallen waren. Jung begann, Träume von Kindern und kulturhistorisch nicht gebildeten Patienten genauer zu betrachten und fand Parallelen zu Sagen- und Märchenmotiven. Nach einem intensiven Studium der Mythen verschiedener Völker erhärtete sich seine Vermutung, dass deren ähnliche Motive kaum durch Berührungen entstanden waren, sondern durch generelle, im kollektiven Unbewussten verankerte Prädispositionen. C. G. Jung hat mit den Archetypen ein Grundgerüst gebaut, anhand dessen man den Charakter eines Menschen besser verstehen kann. Er ging davon aus, dass man zwar die verschiedenen Merkmale alle in sich trägt, diese aber in jedem und jeder unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Die dominierenden Archetypen beeinflussen dann das Verhalten und die Denkweise demnach stärker.

    Ordnung: es wichtig ist, dass im Leben Stabilität und Struktur vorhanden ist.

    Die Herrscherin – der Herrscher: In diesem Archetyp ist ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle und Macht verankert. Menschen, bei denen die bzw, der innere Herscher besonders ausgeprägt ist, übernehmen gerne Verantwortung für sich und für andere. Sie können außerdem sehr dominant und kontrolliert auftreten.
    Die Schöpferin – der Schöpfer wollen etwas erschaffen und Grenzen überwinden. Dieser Archetyp repräsentiert die kreative Seite und das Verlangen nach Freiheit und Fantasie.
    Die Pflegerin – der Pfleger: Menschen, bei denen dieser Archetyp besonders ausgeprägt ist, empfinden sich selbst als belastbarer und stärker als andere. Aus diesem Gefühl heraus haben sie das Bedürfnis, sich um andere zu kümmern und sind hilfsbereit und fürsorglich. Dieses Verhalten entspringt vorrangig ihrem Verlangen nach Einfluss und Kontrolle.

    Erfüllung: man sehnt sich nach Unabhängigkeit und seinem persönlichen Glück.

    Die bzw. der Unschuldige: Das Unschuldslamm der Archetypen möchte immer an das Gute und an eine Art karmische Gerechtigkeit, dank der am Ende alles gut wird, glauben und zeichnet sich weiter durch ein hohes Bedürfnis nach Harmonie aus.
    Die bzw. der Weise: Dieser Archetyp zeichnet sich vor allem durch seine Neugier aus. Weise möchten Zusammenhänge verstehen, Neues lernen und streben ständig nach Klarheit.
    Die Entdeckerin – der Entdecker: Menschen mit ausgeprägtem Entdecker-Archetyp sind Abenteuer und Unabhängigkeit wichtig. Sie sind individualistisch veranlagt und häufig sehr mutig. Schwer zu schaffen machen ihnen Stillstand und Einschränkungen.

    Verbindung: man sucht Bindung zu anderen Menschen, Vernetzung und gute Beziehungen.

    Die Liebhaberin – der Liebhaber: Wie der Name schon vermuten lässt, steht dieser Archetyp ganz im Zeichen der Liebe und Sinnlichkeit. Liebhaber:innen können sich voll und ganz der Freuden von Berührungen, Ästhetik, Genuss und Düften hingeben.
    Die Närrin – der Narr: Dieser Archetyp steht vor allem für das Bedürfnis von Gesellschaft. Menschen, bei denen der Archetyp stark ausgebildet ist, spüren die Verbindungen zu anderen Menschen stark, sind sehr emphatisch und großzügig.
    Die bzw. der Jedermensch: Das Verlangen nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft zeichnet den Jedermensch-Archetyp aus. Er hilft uns dabei, uns anzupassen und zugänglich für andere zu sein. Ist der Archetyp zu stark ausgeprägt, kann man Gefahr laufen, sich zu sehr anzupassen und sich selbst zu vernachlässigen.

    Veränderung: man hat Lust auf Wandel und immer neue Herausforderungen.

    Die Rebellin – der Rebell: Prinzipien, Regeln, Vorschriften? Nein danke, sagen all jene mit einem stark ausgebildeten Rebellen-Archetyp. Für sie ist die Sehnsucht nach Freiheit, Veränderung und Weltverbesserung zu groß, um sich davon aufhalten zu lassen. Rebellen und Rebellinnen stoßen zwar oft wichtige Veränderungen an, laufen aber auch Gefahr, hier und da anzuecken.
    Die Magierin – der Magier: Magier-Archetypen sehen überall ungenutztes Potential, das sie sofort in etwas Tolles verwandeln möchten. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung und Inspiration ist von zentraler Bedeutung für diesen Archetyp.
    Die Heldin – der Held: Das Bedürfnis von diesen Archetypen, sich zu beweisen, ist sehr groß. Aus diesem Grund wachsen sie oft selbst über sich hinaus – auch, um anderen zu helfen und ein gutes Vorbild zu sein. Mut, Integrität und Zuverlässigkeit sind häufig Charaktermerkmale von Menschen, bei denen dieser Archetyp stark ausgeprägt ist.


    „Der Schatten ist alles, was wir nicht wahrhaben wollen.“

    Mit diesen Worten fasst Carl Gustav Jung ein zentrales Konzept seiner Lehre prägnant zusammen. Der Schatten umfasst jene verdrängten Anteile unserer Persönlichkeit, die wir als unvereinbar mit unserem bewussten Selbstbild empfinden – Eigenschaften wie Neid, Wut, Aggression, Schwäche oder Gier, die wir vor uns selbst und anderen verstecken, weil sie unseren gesellschaftlichen Normen, familiären Erwartungen oder dem Idealbild der „Persona“ widersprechen. Diese unbewussten Teile entstehen früh in der Kindheit, wenn wir lernen, uns anzupassen: Was als „schlecht“ oder „unangemessen“ abgestempelt wird, wird abgespalten und in das Unbewusste verbannt, wo es jedoch weiterhin existiert und Einfluss auf unser Verhalten nimmt. Jung beschrieb den Schatten nicht nur als destruktiv, sondern auch als archetypisch – ein universelles Muster im kollektiven Unbewussten, das persönliche (individuelle Erfahrungen) und kollektive (kulturelle oder menschliche Urformen des „Bösen“) Dimensionen vereint, wie etwa die Fähigkeit zu Grausamkeit oder das „Absolut-Böse“, das in Mythen und Geschichte widerhallt. Ohne Bewusstmachung führt dies zu Projektion: Wir erkennen unsere eigenen Schattenanteile nicht, sondern schreiben sie anderen zu – der „böse“ Kollege, der eigentlich unseren unterdrückten Ehrgeiz spiegelt, oder der „neidische“ Nachbar, der unsere eigene Unsicherheit projiziert. „Projektion verwandelt die Welt in das Abbild des eigenen unbekannten Gesichts“, warnte Jung treffend. Um den Schatten ans Licht zu bringen, empfiehlt sich die bewusste Konfrontation und Integration statt Verdrängung. Dieser Weg beginnt mit Selbstreflexion: Man notiert emotionale Auslöser, wie plötzliche Abneigung gegen andere, und fragt sich, ob diese Gefühle eigene, verdrängte Impulse widerspiegeln könnten. Techniken umfassen aktives Imaginieren (Dialog mit dem Schatten als innerer Figur), Traumarbeit (da der Schatten in Träumen als dunkle Gestalten erscheint), kreative Ausdrucksformen wie Malen oder Schreiben sowie therapeutische Analyse, oft in der Jungianischen Therapie. Durch Akzeptanz – nicht Bekämpfung – wird der Schatten transformiert: Was als Schwäche galt, enthüllt sich als Quelle von Kreativität, Stärke und Ganzheit, wie Jung betonte: „Jeder Mensch trägt einen Schatten in sich, und je weniger er im bewussten Leben des Einzelnen verankert ist, desto schwärzer und dichter ist er“. Diese Integration führt zu innerer Harmonie, authentischeren Beziehungen und größerer Resilienz, da der unbewusste Einfluss schwindet. Schattenarbeit ist kein einmaliger Akt, sondern lebenslanger Prozess, der Mut erfordert, doch er verspricht die Vollendung der Persönlichkeit – das „Selbst“ als Vereinigung von Licht und Dunkel.

    Literatur

    Stangl, W. (2008, 19. Mai). Archetypen. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
    https:// lexikon.stangl.eu/151/archetypen.
    Stangl, W. (2008, 19. Mai). Carl Gustav Jung. [werner stangl]s arbeitsblätter.
    https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/WISSENSCHAFTPSYCHOLOGIE/PSYCHOLOGEN/Jung.shtml
    Stangl, W. (2026, 31. Jänner). Was ist der Schatten bei C. G. Jung?  Psychologie-News.
    https:// psychologie-news.stangl.eu/6265/was-ist-der-schatten-bei-c-g-jung.


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