Das episodische Gedächtnis des Menschen erlaubt es, konkrete Ereignisse mitsamt ihren Begleitumständen präzise zu speichern. Es verbindet also Informationen über Personen, Objekte oder Orte mit dem jeweiligen Kontext, in dem sie erlebt wurden. Eine aktuelle Untersuchung von Bausch und Kolleg:innen (2026) liefert neue Einblicke, wie dieser Verknüpfungsprozess auf neuronaler Ebene im medialen Temporallappen, insbesondere im Hippocampus, organisiert ist. Während frühere Studien nahelegten, dass einzelne Neuronen zugleich auf Inhalts- und Kontextmerkmale reagieren, deuten die neuen Ergebnisse auf eine spezialisierte Aufgabenteilung hin.
Im Rahmen der Studie wurden über 3.000 Nervenzellen von Patientinnen und Patienten mit neurochirurgischen Eingriffen analysiert. Dabei konnten zwei deutlich unterscheidbare Zellgruppen identifiziert werden: sogenannte Inhalts-Neuronen und Kontext-Neuronen. Erstere reagierten selektiv auf bestimmte visuelle Reize, etwa auf konkrete Bilder, während Letztere durch den situativen Zusammenhang wie die Aufgabenstellung oder Fragestellung aktiviert wurden. Diese funktionale Trennung erlaubt eine artifizielle „Bibliothek“ neuronaler Repräsentationen, die es dem Gehirn ermöglicht, bekannte Inhalte flexibel in neue Situationen einzubetten, ohne für jede Kombination eine eigene Gedächtnisspur anlegen zu müssen.
Entscheidend für erfolgreiche Erinnerung und Abrufvorgänge scheint das präzise Zusammenspiel beider Neuronentypen zu sein. Wenn Versuchspersonen Aufgaben korrekt bearbeiteten, zeigte sich, dass die Aktivität der Inhalts-Neuronen das Feuern der Kontext-Neuronen mit minimaler zeitlicher Verzögerung vorhergesagt hatte. Dieses dynamische Zusammenspiel lässt sich als neuronale Mustervervollständigung beschreiben: Das Gehirn kann aus einem Teilreiz – zum Beispiel einem Bild – die gesamte episodische Situation rekonstruieren. Bemerkenswert ist, dass nur ein sehr kleiner Anteil der Zellen eine feste Verknüpfung von Bild- und Kontextinformationen aufwies. Damit bevorzugt das menschliche Gehirn offenbar eine flexible Generalisierung gegenüber einer starren, konjunktiven Kodierung.
Die Studie von Bausch et al. (2026) trägt wesentlich zum Verständnis bei, wie das Gehirn Details einzelner Erlebnisse bewahrt und sie gleichzeitig in unterschiedliche Zusammenhänge übertragen kann. Sie liefert damit eine grundlegende Erklärung für die Fähigkeit des Menschen, Erlebtes sowohl spezifisch als auch verallgemeinert zu erinnern.
Literatur
Bausch, M., Niediek, J., Reber, T. P., Mackay, S., Boström, J., Elger, C. E., & Mormann, F. (2026). Distinct neuronal populations in the human brain combine content and context. Nature. https://doi.org/10.1038/s41586-025-09910-2
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