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Das Déjà-vu – neuropsychologische Grundlagen eines flüchtigen Phänomens

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    Das Déjà-vu bezeichnet das plötzliche und intensive Gefühl, eine Situation bereits erlebt zu haben, obwohl sie objektiv neu ist. Der Begriff stammt aus dem Französischen und bedeutet wörtlich „schon gesehen“. Zwischen 60 und 80 Prozent der Menschen berichten, mindestens einmal im Leben ein solches Erlebnis gehabt zu haben. Besonders junge Erwachsene zwischen 15 und 25 Jahren sind davon betroffen; mit zunehmendem Alter nimmt die Häufigkeit ab. Ebenso treten Déjà-vus häufiger bei Personen mit höherem Bildungsgrad, erhöhter geistiger Offenheit und intensiver Reisetätigkeit auf.

    Wissenschaftlich werden verschiedene Formen unterschieden: Beim déjà-vécu scheint eine gesamte Situation vertraut, beim déjà-senti ein Gedanke oder Gefühl, und beim déjà-visité ein Ort. Diese Differenzierungen spiegeln unterschiedliche neuronale Prozesse wider und aktivieren jeweils spezifische Hirnregionen.

    Neurobiologisch gilt der Temporallappen, insbesondere der mediale Bereich mit Hippocampus und parahippocampaler Region, als zentraler Ort der Déjà-vu-Entstehung. Diese Strukturen sind für die Bildung und den Abruf von Erinnerungen verantwortlich. Elektrische Stimulation des Temporallappens kann Déjà-vu-Gefühle künstlich hervorrufen, was auf eine vorübergehende Fehlkommunikation innerhalb der Gedächtnisnetzwerke hinweist. Vermutet wird, dass eine minimale zeitliche Asynchronie zwischen zwei neuronalen Verarbeitungswegen dazu führt, dass ein Reiz gleichzeitig als neu und vertraut interpretiert wird.

    Menschen, die häufig Déjà-vus erleben, besitzen oft eine erhöhte funktionelle Konnektivität zwischen frontalen und temporalen Arealen, was einen schnelleren Informationsaustausch, zugleich aber eine größere Anfälligkeit für Synchronisationsfehler begünstigt. Sie zeigen überdurchschnittliche Gedächtnisleistungen, ein feines Gespür für kontextuelle Details und ausgeprägte kreative Denkprozesse. Eine erhöhte neuronale Plastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, neue Verbindungen zu bilden und sich rasch anzupassen, gilt als weiterer Schlüsselfaktor und steht häufig im Zusammenhang mit hoher kognitiver Flexibilität.

    Kognitionspsychologisch lässt sich das Déjà-vu als Fehlzuschreibung im Zusammenspiel zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis verstehen, denn wird eine aktuelle Wahrnehmung fälschlich als bereits gespeicherte Erinnerung eingestuft, entsteht ein Gefühl der Vertrautheit, bevor der frontale Cortex die Situation rational bewerten kann. Ursache ist meist eine partielle Überlappung neuronaler Aktivierungsmuster, die das Gehirn als Wiedererkennung interpretiert.

    Psychologisch betrachtet sind gelegentliche Déjà-vus nicht pathologisch, sondern sie können sogar mit gesteigerter Selbstwahrnehmung, Kreativität und Sensibilität für Umgebungsdetails einhergehen. Erst bei gehäuftem oder anhaltendem Auftreten – etwa im Rahmen einer Temporallappenepilepsie – kann das Phänomen Krankheitswert erlangen. Moderne Forschung nutzt heute bildgebende Verfahren, virtuelle Realitäten und KI-gestützte Analysesysteme, um die neuronalen Mechanismen präziser zu erfassen. So lassen sich subtile Unterschiede in der Gehirnaktivität zwischen Personen mit häufiger und seltener Déjà-vu-Erfahrung identifizieren.

    Insgesamt verdeutlicht die Erforschung des Déjà-vu die komplexe Architektur menschlicher Gedächtnis- und Bewusstseinsprozesse. Das flüchtige Gefühl, Bekanntes im Unbekannten zu erkennen, erscheint nicht als bloßer Gedächtnisfehler, sondern als Ausdruck der hochdynamischen und fehleranfälligen Synchronisation zwischen Wahrnehmung, Erinnerung und Erkenntnis.

    Literatur

    Stangl, W. (2006, 8. April). Der Umgang mit unfreiwilligen Gedanken: Déjà-vus und spontane Erinnerungen. arbeitsblätter news.
    https://arbeitsblaetter-news.stangl-taller.at/der-umgang-mit-unfreiwilligen-gedanken-deja-vus-und-spontane-erinnerungen/.


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